Zusammenarbeit über konfessionelle und institutionelle Grenzen hinaus

veröffentlicht 10.03.2026 von T. Schlitt, Ev. Dekanat Vogelsberg

Fast den kompletten Monat Februar war sie im Vogelsberg zu sehen, die Ausstellung „Vom heiligen Ort zum Lebensraum – Kirchliche Gebäude neu und anders nutzen“, eine interessante Zusammenstellung aus den beiden Ausstellungen „Land und Leute – die Kirche in unserem Dorf“ der Wüstenrot Stiftung und „Heilige Räume – Neue Konzepte“ des Netzwerk Frankfurt für gemeinschaftliches Wohnen e.V. Initiiert wurde sie von Dekanin Dr. Dorette Seibert und organisiert von Diakon Holger Schäddel, im Evangelischen Dekanat Vogelsberg zuständig für Bildungsarbeit.

Ausstellung des Evangelischen Dekanats Vogelsberg inspiriert zu Ideen und Perspektiven

Von Anfang bis Mitte des Monats in Homberg (Ohm) zu sehen, war die Ausstellung weitergezogen in die Evangelische Kirche in Herbstein. Dort gab es wie zuvor in der Homberger Stadtkirche ein ansprechendes Rahmenprogramm. Zu einem Impulsabend mit Podium und Diskussion waren vor wenigen Tagen Stefan Heinig vom Zentrum Bildung und Gesellschaft, Dekanin Dr. Dorette Seibert, der katholische Pfarrer Martin Kleespies und die beiden Bürgermeister Astrid Staubach (Herbstein) und Sascha Spielberger (Freiensteinau) in der Kirche zusammengekommen. Daniel Meyer, Pfarrer in Herbstein, freute sich sehr, Mit-Gastgeber zu sein. Im Fokus der Ausstellungsreihe stehe die Idee, kirchliche Räume als Begegnungsorte zu nutzen, stellte Holger Schäddel das Thema vor; Dekanin Seibert führte mit einem Impuls in die Problematik ein: In der Vergangenheit wurden viele Gebäude benötigt und gebaut – kirchlicherseits oder von Seiten der Kommunen, Vereine und anderer Organisationen. Nun stünden viele Gebäude leer oder würden kaum noch bespielt. Die Frage laute aber nicht „Was machen wir mit den Gebäuden“; so Seibert, sondern „Was wollen wir in Zukunft gemeinsam tun und welche Gebäude benötigen wir dafür?“ Wenn man sich verkleinere, so lange man es noch in der Hand habe, habe man mehr zu gewinnen als zu verlieren, sagte die Dekanin. Sie empfahl nicht nur der Kirche, sondern auch Kommunen und Vereinen auf die eigene Identität zu schauen, um Antworten zu entwickeln.

Welche das sein könnten, darüber klärte Stefan Heinig auf. Die Bedeutung von Begegnungsorten liege auf der Hand, sagte der Referent, da gerade in kleinen Orten häufig die Möglichkeit zu spontaner Begegnung fehle: Cafés, Kneipen, Läden – all das gebe es häufig nicht mehr. Ein großer Verlust für die Menschen selbst wie für die Gesellschaft, denn Begegnung sei wichtig für die Demokratie. Neben den gesetzten Begegnungsorten Familie und Arbeit brauche es sogenannte Dritte Räume: neutraler Boden, offen für alle, einfach zu erreichen – Biergärten, Bibliotheken, Museen nannte Heinig als Beispiele. Mit Blick auf die kirchlichen Gebäude stellte er die Frage, ob Kirchen solche Begegnungsorte sind oder sein können. Drei Beispiele für eine Veränderung von kirchlichen Gebäuden stellte er vor: Die Entwicklung einer Pfarrscheune in Thüringen hat zur Profilierung dreier kleiner Dorfkirchen, u.a. als Radfahrkirche, beigetragen. In Leipzig konnte eine Kirche zu einem Integrationshotel entwickelt werden – die zweite in dem betreffenden Stadtteil wurde somit zum Stadtteilzentrum. Einen gewissen Bekanntheitsgrad hat die oder das „Cafédrale C41“ in Mainz. Hier entstand im Kirchenraum ein Café mit nachhaltigen Produkten, eine Art Wohnzimmerkirche für verschiedene Gesprächsformate. Heinig warf auch einen Blick auf die Machbarkeit solcher Projekte und verschwieg auch die Schwierigkeiten nicht. Insbesondere die Finanzierung, die Umsetzung und auch der Betrieb benötigten einen langen Atem und gute Ideen.

Dass der Gebäudeüberhang kein alleiniges Problem der Evangelischen Kirche ist, machten die Gesprächspartner deutlich. Sascha Spielberger sprach über die sich leerenden Dorfkerne zu Gunsten sich füllender Neubaugebiete rund herum. Hier stelle sich die Frage, wie alte Anwesen gut für eine neue Nutzung als Wohnräume ertüchtigt werden könnten. Über ein Dorfgemeinschaftshaus in jedem Dorf sprach Astrid Staubach. Manchmal gelänge es, Synergien mit Vereinen zu finden und sich durch die gemeinsame Nutzung des einen Gebäudes von dem anderen zu trennen. Es sei eine große Herausforderung, das, was da ist, zu erhalten. Dabei gehe es auch darum, die Menschen vor Ort nicht zu frustrieren, denn Begegnungsräume, Orte für gelebtes Ehrenamt, seinen der Kitt der Gesellschaft. Mit den kirchlichen und kommunalen Kita-Gebäuden machte die Bürgermeisterin einen weiteren herausfordernden Bereich auf. Auf eine Schrumpfung von großem Umfang blickt in der Region die katholische Kirche, legte Pfarrer Martin Kleespies dar. Neue Nutzungskonzepte seien auch hier gefordert, doch schwer umzusetzen – haben doch gerade katholische Kirchen als geweihte Orte der Begegnung mit Gott einen eigenen Anspruch an die Heiligkeit ihrer Mauern, der nicht einfach unter den Tisch fallen dürfe. Vorgaben und Ideen aus Bistümern gebe es viele. Kleespies sieht gute Möglichkeiten in Kooperationen: Es könne nicht in jedem kleinen Dorf eine oder zwei Kirchen geben, ein Gemeindehaus und ein DGH und noch Vereinshäuser. 

Die Veranstaltung bot den Gästen und Mitwirkenden viele Perspektiven und Ansätze zum Umgang mit einem Überhang an Gebäuden und dem veränderten Blick auf Begegnungsmöglichkeiten. Dekanin Dr. Dorette Seibert fasste die Herausforderung wie folgt zusammen: „Was brauchen Menschen zum Wohnen, in der Gesellschaft und in spiritueller Hinsicht? Und wie können wir gemeinsam dafür Räume bieten?“ Ein Appell an Zusammenarbeit über konfessionelle und institutionelle Grenzen hinaus.

Die Ausstellungen endeten am 1. März mit einem thematischen Gottesdienst. Die Fragen und Antworten für die Zukunft nehmen Fahrt auf.