Grüner Daumen

veröffentlicht 23.05.2026 von Simona Janssen, Pfarrerin in Oberrod und Romrod, Ev. Dekanat Vogelsberg

Die Sonntagsgedanken dieser Woche erzählen davon, wie Hoffnung oft dort wächst, wo lange nichts sichtbar war.

Mein Mann und ich haben keinen grünen Daumen. Unser Olivenbäumchen ist im Winter auf dem Balkon erfroren. Ein kleiner Benjamini hat zwei Mal sämtliche Blätter abgeworfen. Neue haben sich danach leider nicht mehr sehen lassen. 
Es war also ein gewisses Wagnis, als ich zur Einführung in Romrod ein Apfelbäumchen geschenkt bekam. Prompt ließen mein Mann und ich den Baum den Winter über im Topf stehen. Eine Freundin merkte an, man müsse den Baum wenigstens unterm Dach wegnehmen, denn Wasser sei der Pflanze zuträglich. 
Im Frühling erbarmte sich eine Kirchenvorsteherin und wir pflanzten den Baum ein. Und tatsächlich: Mittlerweile steht er da in zartem Grün und zeigte sogar ein paar weiße Blüten. 
Unter diesen Umständen hat mich die Jahreslosung noch einmal ganz anders angesprochen. Vielleicht haben Sie um den Jahreswechsel herum die ein oder andere Andacht gehört über den Vers aus Offenbarung 21,5: Gott spricht: „Siehe, ich mache alles neu!“ Die Jahreslosung erschien mir ein bisschen wie eine Vertröstung auf ein „Irgendwann“. Gott verspricht in der Offenbarung eine Radikalerneuerung unserer Welt: Heilung, Trost, die große Transformation. Wie mein Apfelbaum, wenn er einmal in großer Blüte dastehen wird. Was wir in unserer Zeit, in unserer Umgebung oder auch im eigenen Leben beobachten können, sieht aber oft ganz anders aus. Es fühlt sich manchmal an wie kalter Winter: nackt und kahl. 
Nach der Wandlung der Natur im Frühling fiel mir auf, dass Jesus (auch mit Naturvergleichen, vgl. Matthäus 13,31ff.) verspricht: Gott bahnt sich seinen Weg! Auch im Verborgenen, im Kleinen, im Unscheinbaren und Unsichtbaren! Gott wirkt gerade im Schwachen (2. Korinther 12,9)! Für mich ist das tröstlich. Vor meinem inneren Auge sehe ich einen dürren, kahlen Ast im Winter. Und ich weiß, dass der Pflanzensaft schon in ihm arbeitet, ihn stärkt, aufbaut und für den Frühling vorbereitet. Ein Gebet kommt mir in den Sinn: Vater, dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.