Gott fliegt Einleiner

veröffentlicht 28.08.2026 von Theo Günther, Pfarrer in Alsfeld, Ev. Dekanat Vogelsberg

Ein Drachen am Himmel, gehalten von einer einzigen Schnur: Für Pfarrer Theo Günther wird daraus ein Bild für den Glauben. Gott hält uns, ohne uns zu steuern. Eine Sonntagsgedanke über Halt, Freiheit und die wechselnden Winde des Lebens.

Im Urlaub an der Nordsee: ich schaue zu, wie Menschen ihre Drachen steigen lassen. Manche lassen Drachen an zwei oder gar vier Leinen fliegen und vollbringen damit die reinsten Kunststücke: Loopings, Propeller, auf den Rücken legen, alles möglich. Aber mir kommt der Gedanke: „Gott fliegt Einleiner“.

Was meine ich damit? Die „1-Leiner-Drachen“ hängen, wie der Name schon sagt, nur an einer Schnur. Diese wird am Boden gehalten oder mit einem Anker festgemacht. Bei Wind steht der Drache einfach in der Luft. Vielleicht freut er sich noch, wenn er einen Schwanz hinter sich herziehen kann, der ihn nicht nur noch schöner aussehen lässt, sondern ihm auch noch ein bisschen mehr Stabilität im Wind gibt. Ansonsten ist er ganz dem Wind ausgesetzt. Er bewegt sich, wenn der Wind sich ändert. Er steht still, wenn der Wind gleichmäßig ist. Er steigt steiler in die Höhe oder schwankt, wenn der Wind auffrischt. Und er sinkt langsam, wenn der Wind abflaut. Bei Windstille liegen (fast) alle Drachen auf dem Boden.

Mein Gedanke: Gott ist kein Marionettenspieler, der uns Menschen ganz nach seiner Pfeife tanzen lässt; der den Einen hochsteigen, den Andern kreiseln lässt und den Nächsten auf den Kopf stellt oder auf den Rücken legt, wie man das bei Drachen mit mehreren Leinen alles machen kann. Nein, auch wenn wir das alles im Leben erfahren: ich glaube nicht, dass Gott das „macht“. Ich erlebe vielmehr, dass er mir in all diesen Lebenslagen den Halt gibt, den ich brauche, um nicht zum fremdgesteuerten Spielball der Situationen zu werden. Der Gott, der mir in Jesus begegnet, gibt mir Halt: in den Stürmen, den Flauten, den Hoch- und Tiefzeiten. Der Glaube an diesen Gott gibt mir Halt und Spielraum. Er gibt Halt ohne einzusperren! Der Wind kann drehen und ich kann neue Überzeugungen, Einsichten annehmen. Im Johannes-Evangelium sagt Jesus einmal „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen“. Ja, ich habe schon einige Wohnungen von Leid und Schmerz bis Freude und Jubel kennenlernen und erfahren dürfen und müssen, und andere können noch kommen. Und doch bleibt die Zusage der Liebe und Verbundenheit Gottes, immer die gleiche: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ (Jes. 43,1). 

Ja, denke ich: „Gott fliegt Einleiner!“: Er gibt Halt und Orientierung im Wechsel der Zeiten und Erfahrungen und er gibt die Freiheit mich so anzupassen und zu entwickeln , wie es mir im Rahmen seiner Liebe zu allen Menschen entspricht. 

Vielleicht haben Sie ja Lust bekommen, im Spätsommer oder Herbst mal wieder einen Drachen steigen zu lassen und dabei den Gedanken von Halt und Freiheit Raum zu geben.