Seit der vergangenen Dekanatssynode im Februar steht Martin Reibeling an der Spitze der Evangelischen Kirche im Vogelsberg. Als ehrenamtlicher Vorsitzender des Dekanatssynodalvorstandes (DSV) bildet er gemeinsam mit den Dekaninnen Dr. Dorette Seibert und Luise Berroth das Führungsteam des Dekanats. Dieses Amt kommt nicht von ungefähr, denn genaugenommen ist der Alsfelder der Kirche schon von Kindesbeinen an verbunden.
„Mein Vater war Küster in Alsfeld“, berichtet der 59-Jährige, „und da bin ich als Zehnjähriger schon immer so mitgelatscht.“ Auf der Empore der Alsfelder Kirchen bestaunte er die Orgeln und wünschte sich nichts sehnlicher, als spielen zu lernen. Als daraus nichts wurde, begann Martin Reibeling schon als Jugendlicher mit einer Ausbildung zum Chorleiter. Diese schloss er mit sechzehn ab, und weil im Nachbarort Romrod der langgediente Chorleiter ausfiel, sprang er ein. Couragiert und ausdauernd: Vierzig Jahre lang blieb Martin Reibeling Chorleiter des Evangelischen Kirchenchors, bis dieser sich vor zwei Jahren auflöste. Im Alsfelder Posaunenchor spielte er seit seinem 14. Lebensjahr mit; auch in der Jugendkantorei Alsfeld war er aktiv; später leitete er auch den Chor der katholischen Gemeinde St. Michael in Ruhlkirchen. Die Kirchenmusik spielte also schon immer eine große Rolle im Leben des neuen Präses, der es vielleicht schaffen wird, die regelmäßigen Geburtstagsgesänge auf den Dekanatsfluren auf ein neues Niveau zu heben.
Als Chorleiter war Reibeling viele Jahre in der Mitarbeitendenvertretung des Alt-Dekanats Alsfeld aktiv. In dieser Eigenschaft lernte er in der Zusammenarbeit mit seinem Vor-Vorgänger Präses Horst Schobpach schon Einiges über die Verwaltung des Dekanats kennen, auch über die Bandbreite von Spiritualität und Seelsorge über Musik bis hin zu den bloßen Zahlen.
Aus familiären Gründen reduzierte er seine verschiedenen Ämter zwischenzeitlich, begann aber im Jahr 2009, sich auf der geistlichen Ebene weiterzubilden: 2012 beendete er seine Ausbildung zum Prädikanten und war seitdem in der ehrenamtlichen Verkündigung aktiv. Bis zu vierzig Gottesdienste gestaltet er im Jahr; 2019 schloss er seine Kasualausbildung ab. Seitdem kann er auch Trauungen und Beerdigungen durchführen. Seit 2009 war Martin Reibeling – bis zur Bildung des Nachbarschaftsraums Am Vogelsberger Himmelborn in diesem Jahr - außerdem Mitglied im Kirchenvorstand in Billertshauen; dessen Vorsitzender er seit 2021 war. Er ist seit 2015 Mitglied im DSV und war bereits stellvertretender Präses, als seine Vorgängerin Sylvia Bräuning noch im Amt war. In dieser Zeit hat er den Fusionsprozess der Alt-Dekanate Alsfeld und Vogelsberg zum neuen Dekanat Vogelsberg begleitet und konnte dort seine berufliche Expertise auf dem Gebiet der Gebäude- und Büroausstattung einbringen.
Martin Reibelings Engagement in der Kirche ist also vielseitig: Musik, Geistliches Leben, Verwaltung – all das deckt er mit großer Leidenschaft ab. Seine Motivation, sich in seiner Freizeit mit so viel Kirche zu beschäftigen, ist „die christliche Gemeinschaft, die man in der Kirche erleben kann.“ Reibeling mag den „Mix aus Gewohnheit und Tradition, stets in Verbindung mit Neuem.“ „Im Glauben verbunden zu sein, das unterscheidet das Ehrenamt in der Kirche vom Ehrenamt in Vereinen“; sagt er, und auch dieses Ehrenamt ist ihm als langjährigem Sitzungspräsidenten des Alsfelder Carneval-Clubs nicht fremd. „Auch die Aufgaben, die unsere Kirche jenseits der Gottesdienste wahrnimmt, liegen mir am Herzen“, führt er aus und will für mehr Sichtbarkeit von evangelischen Einrichtungen und Angeboten wie Kitas, Wohnungslosenhilfen oder Pflegeheimen sorgen. „Pauschale Kritik, die nicht das berücksichtigt, was Kirche für die Menschen tut, ist mir daher auch ein wenig zu platt“, sagt er. Konstruktiven Gesprächen gegenüber ist er aber stets aufgeschlossen.
Was die Gottesdienste betrifft, so mag er es lang und gerne auch feierlich: „Ich habe in den USA Gottesdienste kennengelernt, die mit Predigt, Musik und gemeinsamem Essen fast einen ganzen Tag dauerten.“ Das wird er als Prädikant und Präses hier eher selten anbieten, obwohl seine Gottesdienste stets einen feierlichen Charakter haben. Aus diesem Grund freut er sich auch auf die Möglichkeiten, die die neuen Nachbarschaftsräume bieten: Aufwändigere Gottesdienstformate für mehr Menschen, die sich gemeinsam auf den Weg machen. Sein Wunsch: „Nicht auf Altem verharren, sondern gemeinsam etwas Neues machen und Kirche gestalten.“
Dass bei all diesem Engagement nun das Präsesamt folgte, lag ein wenig auf der Hand: Als Stellvertreter stand er bereit, als Sylvia Bräuning im letzten Herbst zurücktrat, nun stellte er sich zur Wahl. Bis zur nächsten Kirchenvorstandswahl im kommenden Jahr bleibt er im Amt, danach könnte sich eine reguläre Amtszeit von sechs weiteren Jahren anschließen. Warum macht sich ein Mann, der als Handlungsbevollmächtigter eines regionalen Unternehmens auch beruflich ausgelastet ist, eine solche Arbeit? „Das spirituelle und inhaltliche Arbeiten ist für mich der perfekte Ausgleich zu meinem Alltagsjob“, sagt er, „und es macht mir einfach Freude, mit den anderen Aktiven in der Kirche an einer guten Gemeinschaft zu arbeiten.“ Und ein Ziel hat er natürlich auch: „Ich hoffe, dass wir die strukturelle Arbeit in den Gemeinden, die der Zukunftsprozess ekhn2030 mit sich gebracht hat, also die Bildung und Konstituierung der Nachbarschaftsräume, bald abgeschlossen haben. Dann haben wir wieder mehr Zeit für schöne Gottesdienste.“ Außerdem möchte er die ehrenamtliche Verkündigung mehr in den Fokus rücken: „Kirchenchöre und Posaunenchöre sind so wichtig für das geistliche Leben“, sagt er, „und Lektoren und Prädikanten sind nicht die zweite Wahl, wenn es um die Gestaltung von Gottesdiensten geht.“ Mit diesen Anliegen schließt sich der Kreis von den Anfängen bis heute. Damit wird Martin Reibeling sich mit der Evangelischen Kirche auf den Weg in die Zukunft machen.