Was man von Pippi Langstrumpf lernen kann

veröffentlicht 24.01.2026 von jmar, Ev. Dekanat Vogelsberg

In den Sonntagsgedanken dieser Woche nimmt uns Pfarrerin Dr. Julia E. Marburger mit nach Stockholm und von dort mitten hinein in unsere Gegenwart: zu Fragen von Stärke, Macht, Verantwortung und Herzensgüte.

Anfang Januar war ich in der Dalagatan 46 in Stockholm, in Schweden. Dort liegt das Wohnhaus einer der bekanntesten schwedischen Kinderbuchautorinnen. Ihre Helden und Heldinnen bringen bis heute Kinder und auch Erwachsenenherzen zum Hüpfen. Ihr Name ist Astrid Lindgren. Und ihren Namen verbindet man v.a. mit einer Figur:

Zwei rote Zöpfe, Sommersprossen, so stark, dass sie ihr Pferd hochstemmt, und ausgestattet mit vielen Goldtalern, die sie großzügig teilt. Nun gut, manchmal flunkert sie ganz schön, nimmt die Erwachsenen nur mittelernst und beeindruckt durch ihre Unabhängigkeit und Freiheit. Die Rede ist von Pippi Langstrumpf. Pippi Langstrumpf feierte vergangenes Jahr ihren 80. Geburtstag.

Astrid Lindgren hätte wohl selbst kaum geglaubt, dass die Geschichte von Pippi einmal um die Welt gehen und in 80 Sprachen übersetzt werden würde. Sie schrieb die Geschichte für ihre kranke Tochter, die sie bat, ihr doch eine Geschichte zu erzählen – zu einem Namen, den die Tochter erfand: „Pippi Langstrumpf“.

Die Geschichten von Pippi Langstrumpf schafften es schließlich auch nach Deutschland. Zu Beginn gab es viele kritische Stimmen, denn das Kinderbuch entsprach ganz und gar nicht den gesellschaftlichen Vorstellungen der 50er- und 60er-Jahre im Nachkriegsdeutschland. Pippi Langstrumpf war ein Gegenbild zu den pädagogischen Erziehungsidealen der damaligen Zeit: Pippi, die ohne Eltern, dafür mit einem Affen und einem Pferd allein wohnt. Die eigene Entscheidungen für ihr Leben trifft. Die zusammen mit ihren Freunden kreative Lösungen für alle möglichen Probleme entwickelt. Pippi, die sagt: „Wer stark ist, muss auch gut sein.“ Damit ist freilich nicht „gut“ im Sinne von „schlau“ oder „leistungsstark“ gemeint, sondern ein „reines Herz“ zu haben. Pippi besitzt durch ihre Stärke und ihren Mut Macht – und sie setzt diese Macht vor allem für Schwächere, für Hilfsbedürftige und für Kinder ein.

In den vielen aufgeheizten Debatten dieser Tage würde uns allen ein bisschen mehr Pippi guttun. Ich wage mir kaum vorzustellen, was Pippi Langstrumpf wohl zu den Tyrannen unserer Zeit sagen würde – und noch mehr, was sie mit ihnen tun würde. Vielleicht würde sie sie einfach aus ihren Palästen wegtragen…

Für unsere Gesellschaft indes würde ich mir auch mehr Pippi Langstrumpf wünschen: Mut, der sich nicht in Lautstärke erschöpft, sondern im Hinsehen. Stärke, die nicht spaltet, sondern schützt und eint. Eine Portion Fantasie, die aus festgefahrenen Wegen neue Pfade macht. Und eine große Portion Herzensgüte, die uns daran erinnert, dass Freiheit in einer Demokratie nur mit Verantwortung für andere zu denken ist.

Astrid Lindgren und Pippi Langstrumpf begleiten mich schon lange, und nochmal mehr seit meinem Besuch vor Kurzem in der Dalagatan 46 in Stockholm. Denn vielleicht braucht es in Zeiten wie diesen gar nicht viel mehr als den Mut eines starken Kindes mit roten Zöpfen, das uns zeigt, wie wir die Welt mit Fantasie, einem guten Herzen, Freundschaft und Humor ein kleines Stück heller machen können. 

Pfarrerin Dr. Julia E. Marburger