Vor Kurzem ist es wieder mal passiert. Draußen ist es dunkel – und drinnen liege ich wach. Nach gutem Einschlafen finde ich gerade keinen Frieden. Die Gedanken kreisen, meine Atmung möchte kontrolliert sein, der Puls wirkt unruhig. Was sagt eigentlich die Uhrzeit?
Vielleicht kennen Sie das auch – eine schlaflose Phase, lange vor der Morgendämmerung. Auch anderen setzt etwas mächtig zu: Da kämpft jemand, den ich kenne, nach einer Operation im Krankenbett mit jedem Luftzug. Eine Bekannte erzählt mir vom stressigen Job, der sie nachts als innerlich krakeelendes Echo einholt. Und bei Dritten stehen drängende Sorgen um gesellschaftliche Konflikte wie eine Patrouille an der eigenen Bettkante. In meinem Fall sind es unsinnige Planungsfragen zu einem bestimmten Vorhaben, die zermürbend freidrehen.
Ich wälze mich auf die Seite, falte die Hände und murmele ein verwischtes Gebet. Tage später erinnere ich mich wage an irgendein Bibelwort, welches mit solch´ dunklem Erleben zu tun hat. Bei der Recherche stoße ich auf Psalm 22 (Vers 3): „Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.“ In diesem alten Text werden Zweifel an sich selbst ausgesprochen - ebenso wie der Spott durch andere. Die Knochen fühlen sich kaputt an, die „Kräfte sind vertrocknet“. Ein Psalm, von dem einige Passagen in der Passionszeit von Jesus eine Rolle spielen. Auch er wacht schmerzlich durch nächtliche Stunden nach dem Abendmahl, beim Gebet im Garten, zur Gefangennahme und bei der bitteren Verleugnung.
Was hilft?
Der Psalm selbst nennt mir mehrere Wege: „Die Elenden sollen essen, dass sie satt werden“ heißt es bündig weiter hinten. Meine Oma hätte es so gesagt: Gut Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen. Dazu wird Gott lebensnotwendig und ohne Umschweife betend vom Verfasser angesprochen, sogar mit der Klage, dass er, Gott, gar nicht antwortet. Und schließlich gibt schon der erste Vers den melodischen Tipp auf die Form eines Liedes: „Ein Psalm, … vorzusingen, … nach der Weise …“. Musik trägt mich, auch durch diese Nacht.
Dem letzten Gedanken konnte auch der Dichter Gerhard Teerstegen eine Weise geben mit seiner „Andacht bei nächtlichem Wachen“, welche so beginnt:
„Nun schläfet man, und wer nicht schlafen kann,
der bete mit mir an – den großen Namen,
dem Tag und Nacht wird von der Himmelswacht
Preis, Lob und Ehr gebracht! O Jesu, Amen.“
Diakon Holger Schäddel, Evangelisches Dekanat Vogelsberg