Ganz sicher wird er nicht nur den Mitgliedern der Evangelischen Kirchengemeinde in Alsfeld fehlen, den Kirchgängern und den Aktiven, sondern vielen Menschen, die mit ihm eine besondere Haltung verbinden. Peter Remy ist einer, der stets das Wort ergreift, wo es ihm nötig scheint, der Debatten nicht scheut und dessen Wirken geprägt war und ist von einer tiefen Verbundenheit mit den Menschen.
Mit seiner 35-jährigen Dienstzeit steht Pfarrer Remy auf Rang drei der lückenlos dokumentierten Liste der evangelischen Geistlichen in Alsfeld, die im Jahr 1526, also vor genau 500 Jahren, mit Tilemann Schnabel begann. Länger als er waren hier nur Jonas Consor (von 1599-1636) und Johann Ludwig Wilhelm Vietor (1788-1829) im Amt. Für Pfarrer Remy ist das kein Grund zum Stolz, sondern zu großer Dankbarkeit, zumal er einen solchen „Rekord“ nicht im Auge hatte, als er am 1.1.1991 direkt nach dem Vikariat in Alsfeld anfing. „Zwei, drei Jahre bleiben wir, dachten meine Frau und ich, dann schauen wir mal.“ Doch dann passte alles irgendwie ziemlich gut für den jungen Theologen, der 1960 in dem kleinen Dorf Hilgert im Westerwald in eine volkskirchliche Familie geboren wurde. Das Aufwachsen in dem kleinen Dorf hat seinen Blick geschärft für einen Menschenschlag, der dem Vogelsberger nicht unähnlich ist, für das Leben in einem überschaubaren Umfeld. Sein Studium absolvierte er zunächst an der kirchlichen Hochschule in Neuendettelsau. „Die alten Sprachen, von denen ich keine in der Schule erlernt hatte, waren eine Herausforderung.“ Hebräisch, Latein und Altgriechisch standen auf dem Lehrplan, als das geschafft war, studierte er an der Universität in Bonn weiter. Zur Examensvorbereitung zog er mit seiner Frau, der Sozial- und Medienwissenschaftlerin Dr. Christine Meinhardt-Remy, nach Marburg. Das Vikariat absolvierte Peter Remy in Langgöns. Dann kam Alsfeld. Am 3. Februar 1991 wurde Pfarrer Remy von Propst Helmut Grün ordiniert.
Auf den Neuen warteten die beiden Pfarrer Friedhelm Kalbhenn und Dr. Jürgen Sauer – ein Team, das von Anfang an harmonierte, genauso wie die Remys mit Alsfeld harmonierten: „Die Kleinstadt passte gut zu uns, wir hatten bald Freunde gefunden und ein soziales Netzwerk aufgebaut.“ So wurde Pfarrer Peter Remy die Konstante im Alsfelder Pfarrteam: Pfarrer Kalbhenn ging in den Ruhestand, Pfarrer Sauer wurde Dekan. Es folgten auf der Pfarrstelle 2 Dr. Uwe Ritter und auf Pfarrstelle 3 Katja Dörge, Paul-Gerhard Künzel und Theo Günther – heute der letzte dieses Teams, der aktuell in Alsfeld Dienst tut.
Die Vielfalt der Pfarrteams und die Vielfalt der Menschen in der Gemeinde schätzt Peter Remy sehr. „Die christliche Gemeinde ist die Gemeinschaft des gegenseitigen Andersseins“, sagt er, eine Vielfalt, die es unter dem immer stärker werdenden Vereinheitlichungsdruck zu bewahren gelte. Mehr als sechstausend Gemeindeglieder gab es zu Beginn seiner Amtszeit in Alsfeld. Auch die Verwaltungsaufgaben in einer so großen Gemeinde mit 3 Kindertagesstätten und 60 Angestellten hätten ihm große Freude gemacht. So war er mehr als 20 Jahre Vorsitzender des Kirchenvorstands und Personalverantwortlicher.
Als Pfarrer ist Peter Remy ein großer Freund offener volkskirchlicher Strukturen. Diese sieht er durch den Schrumpfungsprozess in Gefahr. Noch heute denkt er an die Zeiten zurück, als das Pfarrhaus am Kirchplatz, in dem auch das Gemeindebüro war, quasi Tag und Nacht geöffnet war. Im Zuge der kirchlichen Gebäudeplanung kam der Umzug in die Karl-Weitz-Straße. Hier werden er und seine Frau wohnen bleiben.
Genauso wichtig wie die Verbundenheit mit den Menschen ist Pfarrer Remy das theologische Arbeiten. Er ist ein Büchernarr, einer der gemeinsam mit seiner Frau beim Umzug vierhundert Bücherkisten packte. Er vertieft sich in theologische Themen; das Nachdenken über den Glauben ist ihm Teil des Glaubens selbst. In seinen Predigten und in der seelsorgerlichen Arbeit war es ihm ein Anliegen, dass die Menschen ihren Glauben verstehen und ihn mit sich und ihrem Leben in Verbindung bringen können.
Seelsorge und Verkündigung nennt Pfarrer Peter Remy als weitere Schwerpunkte seiner Tätigkeit. Besonders dankbar zeigt er sich für die wertschätzende Zusammenarbeit mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und den Ehrenamtlichen im Kirchenvorstand. „Die vielen engagierten Menschen stimmen mich zuversichtlich, dass Kirche immer weiterleben wird - anders vielleicht, als wir sie heute kennen, aber es wird weitergehen.“ Getragen ist diese Hoffnung für Pfarrer Remy von der grundlegenden theologischen Einsicht, dass Gott selbst die Kirche erhalten wird.
Bekannt geworden ist Pfarrer Peter Remy auch für seinen unermüdlichen Einsatz für eine angemessene Erinnerungskultur. „Wir Christen haben unsere Wurzeln im Judentum, das dürfen wir nicht vergessen.“ Antisemitismus ist für den Theologen daher niemals hinnehmbar. Remy spricht jährlich zum Gedenken an die Reichspogromnacht und äußert sich öffentlich zu Themen wie Israelfeindlichkeit oder Judenhass. „Da passt es gut, dass mein Abschiedsgottesdienst auf den Sonntag Reminiszere fällt, das Wort bedeutet gedenken, erinnern. Wir leben, weil Gott unserer gedenkt, und wir leben in Erinnerung an die Geschichte der jüdisch-christlichen Gemeinschaft, in der wir stehen.“
Mit Pfarrer Peter Remy könnte man ewig weiter sprechen: Über seinen Text, den er zum Alsfelder Stadtfest auf Reinhard Meys Lied „Über den Wolken“ gedichtet hat, über seine theologischen Ansätze, über seine den Frieden suchende, verantwortungsethische Haltung, die auch von den Kriegserlebnissen der Eltern und Großeltern geprägt ist. Bleibt die Frage nach dem Ruhestand. Sehr anders sei das Leben geworden, gibt Remy unumwunden zu. Keine Dienstmails mehr, keine Termine, kein Druck. Anders, aber schön. „Als Pfarrer ist man immer präsent“, sagt er, „jetzt kehrt Ruhe ein“. Von den Büchern in den vierhundert Kisten sind noch nicht alle gelesen, ein großer Garten wartet, Kultur in Alsfeld und Umgebung, nicht zuletzt die musikalischen Angebote, kleine Reisen, und ein großer Fußballfan ist der Anhänger von Borussia Mönchengladbach obendrein. Und natürlich werden Peter und Christine Remy nicht aus dem Stadtbild und der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden. Sie sind ja Alsfelder geworden. Schon längst.
Pfarrer Peter Remy wird am kommenden Sonntag, 1. März, um 14 Uhr im Gottesdienst in der Walpurgiskirche verabschiedet.